Wolfgang Wallner-F.
Schriftsteller
Neues
Home.Neues.Buchcover.Bücher.Lesungen.Bio.YouTube-Facebook.Kontakt.© .

Mein Großvater
Anton Mauss
*1.3.1868 in Köln - †13.9.1917 in Wien

(Kirchenrektor zu St. Ruprecht, Wien)
(siehe auch „Wie das Schreiben begann“,
hier klicken
)

Auszug aus einem geplanten, fiktiven Buch

Ich kann darüber nicht schreiben!

Ich bin kein Historiker.

Er sagte, ich wäre sein Universalerbe und er hätte ein Geheimnis, ein p e r s ö n l i c h e s  Geheimnis. Mit dieser Betonung.

Und ich wäre der Einzige, dem er das anvertrauen und der es finden könne.

Wenn ich zustimme, dass ich mich mit dem Geheimnis beschäftigen will, werde ich es erfahren.

Es sei für ihn und für mich wichtig.

 

Er, das ist mein Großvater.

Und er sagte es ihr. Sie erzählte es mir weiter.

Ich konnte ihn nicht sehen, die Figur meines Großvaters, mit dunklem Mantel und Hut, wie er in der Türe stand und wartete.

Sie hatte die Fähigkeit zu solchen Wahrnehmungen, auch schon oftmals erwiesen. Aber das ist eine andere Geschichte, die sich vielleicht auch einmal zum Weitersagen eignen wird.

 

Es ist für mich nicht möglich, dem ungeheuer vielfältigen Leben meines Großvaters gerecht zu werden. Zu viele Strömungen und zu viel Unergründbares gibt es, um vor allem die Jahre meines Großvaters wahrhaft wiederzugeben.

Persönliche Bedrängnisse von außen wie von innen.

Die von innen werde ich nicht einmal annähernd ahnen können, zum Verstehen der äußeren Zustände gehört eine intensive Befassung mit der Kirchengeschichte wie auch der allgemeinen Historie der Zeit und deren Protagonisten.

Viel zu schwer und umfangreich, um von mir so wahrheitsgetreu wie möglich dargestellt zu werden.

 

Bei einem Spaziergang entlang eines Baches im nördlichen Weinviertel Ende eines sehr warmen Septembers im Jahre 2009 kam ich auf die Idee, meine eigene Annäherung an dieses Thema aufzuschreiben.

So wie ich es sah.

Einfach so.

Selbst wenn ich wichtige zugehörige Umstände übersah, es ist mein Erlebnis der Begegnung mit der Figur meines Großvaters, meinem derzeitigen Wissensstand entsprechend.

So werde ich damit beginnen, das Geheimnis meines Großvaters zu finden. Vielleicht liegt es in mir, vielleicht bringt mich die Beschäftigung damit auf  DAS Geheimnis.

Großvater, ich stimme also zu!

Auch wenn nicht alles der offiziellen Wahrheit gemäß sein wird, ich nenne es eben „ein Romanfragment“. Das lässt mir beim Schreiben Spielraum.

Doch, versprochen, ich werde mich an die mir bekannten Tatsachen halten und sie in dem Fragment einbauen. Ein Fragment muss es sein und auch bleiben.


Wie kann ich das Geheimnis erfahren?

Ich erinnere mich geträumt zu haben, in der Wohnung meiner Großmutter liege noch Post für mich, lange nach dem sie schon gestorben war.

Meine Großmutter lebte die letzte Zeit vor ihrem Tode bei uns, bis sie einen Oberschenkelhalsbruch erlitt, von dem sie sich, wie es damals leider die Regel war, nicht mehr erholte. Sie war erst an die achtzig Jahre alt.

Jetzt habe ich alle Schriftstücke die von meinen Großvater im Familienbesitz übrig blieben hier bei mir.

Ist hier ein Hinweis zu finden?

 

Meine Großmutter.
Sie entstammte einer kleinbäuerlichen Familie, nahe Bruck an der Leitha, doch gab es in der Familie überraschen viele Lehrerinnen.

Meine Großmutter schrieb zeit ihres Lebens fehlerfrei. Hat viel gelesen. Ich erinnere mich an einige alte Bücher in ihrer Wohnung, meistens mit religiösem Hintergrund, ein Buch über Klemens Maria Hofbauer, ein bekannter Prediger, Mitglied des Ordens der Redemptoristen. Er ist Stadtpatron von Wien. Bis 1945 war er auch Schutzpatron Südmährens. Auch er gründete eine Schule für arme Kinder, eine Handarbeitsschule für Mädchen und ein Waisenhaus. In Polen.

Mein Großvater ein Heim für Kinder in Wien, Währing.

In der Wiener Sankt Ursula Kirche wurde Hofbauer durch seine Predigten so bekannt, dass ihm der Beiname Apostel von Wien gegeben wurde. Er wurde von der Polizei bespitzelt, weil er als Gegner der Aufklärung galt. Obwohl er intensiven Kontakt zu deutschen Romantikern wie Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff  und Friedrich Schlegel hatte. Er wurde von Papst Pius X. 1909 heiliggesprochen. Ein wichtiges Arbeitsfeld des Ordens ist auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Moraltheologie.

Mein Großvater hatte auch mit Klemens Maria Hofbauer zu tun.

Moraltheologie versteht sich als Integrationswissenschaft, die Erkenntnisse sowohl der biblischen und systematischen Theologie als auch der Natur-, Human- und Sozialwissenschaften aufnimmt, um im Hinblick auf moralische Probleme zu normativen Aussagen für menschliches Handeln zu gelangen und diese rational zu begründen. Einen wichtigen Bestandteil bildet die Frage nach dem Einfluss biblischer Weisungen auf die Lösung moralischer Probleme in der Gegenwart. Das sagt die Weisheit des Internets darüber.

Mein Großvater war Anhänger, Mitarbeiter und auch Sprachrohr des sogenannten „Integralismus“.

Ein Link im Internet behauptet, er wäre "radikalster Wortführer des Integralismus (Extrakatholizismus) und Verdächtiger ("Denuntiant") von Modernisten- und Reformkatholiken -wie der Prof. Ehrhard, Schindler, Horn, Pernter u.a- an der röm. Kurie bei und durch Prälat Benigni und in dem von ihm hrsg. 'Österreichisches Katholisches Sonntagsblatt' "gewesen.

 

Zurück zu meiner Großmutter.

Es gibt einen handschriftlichen Beleg, nachdem sie ihre Abstammung bis in die Zeit um den Dreißigjährigen Krieg zurück verfolgen konnte. Damals lebten die Vorfahren unter den Namen Prüntz im Waldviertel, in der Nähe von Weitra, wo heute mein Zwillingsbruder wohnt. Unabhängig davon!

Meine Großmutter hat auch sehr gerne die Wochenzeitschriften „RZ“ und „Die Wochenschau“ gelesen, was für ein gewisses Interesse an neuen Erkenntnissen spricht, war doch in der RZ der 1950er Jahre auch über Wissenschaft manchmal die Rede, wenn auch natürlich sehr populär. Gerne kaufte sie auch die Kommissar-Wilton-Hefte, die mir damals auch gefielen. Jede Woche gingen wir zusammen zu einem nahen Zeitungskiosk, in dem ziemlich dicke, aber sehr freundliche Zwillingsschwestern  verkauften. Ich bekam eine Micky-Maus, wenn es an der Zeit war und auch die „Wunderwelt“, die zusätzlich in Jahrgänge gebunden jeweils unter dem Christbaum lagen.

Eine besondere Eigenheit war, sie löste Kreuzworträtsel mit einem Tintenstift. Das war ein Schreibgerät, ähnlich dem Bleistift, nur dass er nicht ausradierbar war. Ja, wenn die Schrift oder der Stift nass gemacht wurde, veränderten sich die Farbe der Buchstaben in blau, wie von Tinte gezogen und auch so haltbar. Die Eintragung im Rätsel wurde so unauslöschbar gemacht. War sie sich so sicher?

Es musste einige Zeit vor der Jahrhundertwende gewesen sein, als sie in den Haushalt von Anton Mauss kam. Die Jahrhundertwende, die man Fin de siècle nennt.

 

Wikipedia schreibt über diese Zeit:
„Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stand in dem Bewusstsein, dass eine Epoche endgültig vorbei war.
Der Positivismus in den Naturwissenschaften und der Naturalismus in der Literatur hatten die Ideologie der Objektivität und eine Stimmung des Fortschritts begünstigt, und die Ingenieurwissenschaften waren auf dem Vormarsch. Sigmund Freud erforschte die Hysterie. Dagegen war die Weltordnung des Ancien Régime (alte Regierungsform) mit der Vorherrschaft des Adels im Kern noch mittelalterlich, und das Mittelalter wurde ständig zu deren Rechtfertigung aufgeboten. Die Industrialisierung und die Gewerbefreiheit hatten alte Sozialstrukturen aber stark verändert, die Kirche hatte an Einfluss verloren und ein allgegenwärtiger Nationalismus führte zu Konflikten.
Diese Zeit ist geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die maßgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen. Als Überreaktion der europäischen Führungsschichten auf die Krisenerscheinungen und in einer „großen Angst, die unter den Herrschenden umging“ vollzog sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung: „Die Militarisierung nahm einen jeden geschichtlichen Vergleich sprengende Dimension an.“
Für Intellektuelle, Künstler und Literaten wurde ein Gefühl von Ohnmacht charakteristisch, weil sie sich angesichts einer einerseits vom Marktgesetz und anonymen Massen beherrschten Großstadtgesellschaft und andererseits von einer zunehmend von Naturwissenschaften und Technik gezeichneten Welt angezogen und abgestoßen fühlten. Sie flohen in ästhetische Gegenwelten. Eine Subkultur oder Gegenkultur zum bürgerlichen Leben entstand mit den Kultfiguren Bohemien, Dandy, Snob, Femme fatale. Sie verachteten die „Philister“, Spießer und Kleinbürger.

Aus einer Mischung aus Unsicherheit und Überheblichkeit formte sich der Sozialdarwinismus und die von Friedrich Nitzsche vorgebrachte Kritik am bürgerlichen Leben seiner Zeit, gegen das er den Übermenschen auf den Plan rief, was vom Adel teilweise unterstützt wurde.“

Soweit die Internet-Enzyklopädie Wikipedia zu Fin de siècle.


Ich will es nicht mehr wissen.

Was kann mich ein Geheimnis interessieren, das schon über hundert Jahre ein Geheimnis ist. Warum sollte es mich interessieren?

Sie sagte, er wolle es nur mir erzählen, ich sei sein Erbe und habe es schon angetreten!

Ihr könne er es nicht sagen.

Ja, wenn ich meditieren würde, dann wäre es leicht, es mir zu sagen.

Gut, lieber Großvater, heute habe ich meditiert. Es kamen auch Gedanken, Eindrücke von irgendwo her.

Du wärest mit meiner Großmutter verheiratet.

Du, der Priester! Und auch der Brief, der noch bei meiner Großmutter abzuholen wäre.

Habe Deine Briefe und Aufzeichnungen  hervorgeholt. Kaum zu lesen, deine ausgeschriebene Handschrift, noch dazu in einer Mischung aus Kurrent und was weiß ich was.

Kopfschmerzenschrift!

Wie komme ich dazu, meine Zeit mit Nachforschungen zu verbringen.

Ich habe mit Integralismus wenig am Hut, wenn überhaupt, stehe ich den Modernisten deiner Zeit nahe.

 

Was war der Integralismus?

Ende des 19. Jahrhunderts öffneten sich katholische Theologen für neue Erkenntnisse der Wissenschaft. Doch im Vatikan wurde das System der Neuscholastik verteidigt, jedes zeitgemäße moderne Denken als Modernismus verdammt. 1907 erließ Papst Pius X. eine Enzyklika, in der er sogenannte Modernisten als Irrlehrer hinstellte.

Zu diesem Zweck führte Papst Pius X. am 1. September 1910 den Antimodernisteneid ein. Er musste von Klerikern der Katholischen Kirche abgelegt werden, insbesondere von Bischöfen. Dieser Eid wurde erst 1967 von Papst Paul VI. abgeschafft. Den Eid hatten jeder angehende Subdiakon, alle Priester, bevor sie die Vollmacht zum Beichthören und Predigen erhielten, alle Pfarrer, Kanoniker u.a., wenn sie ihr Amt antraten, alle Beamten der bischöflichen und päpstlichen Kurie und alle Ordensoberen und -lehrer vor Übernahme ihres Amtes zu beschwören. Darunter litten sicher bis in jüngster Zeit etwa die Theologen Eugen Drewermann und Hans Küng, sowie viele andere Menschen, die sich aufrichtig theologischen Studien im Rahmen der Katholischen Kirche widmeten.

 

Ist darin ein Geheimnis zu suchen?

 

Ich habe eines meiner Bücher dir gewidmet.

 

Damals wusste ich nichts vom Integralismus und nichts vom Modernismus, ja, ich wusste genaugenommen von dir nur, dass du mein Großvater bist und dies in den verborgenen Kirchenbüchern zu St. Stephan verbürgt wird. Gesehen habe ich die nie, meine Mutter erzählte mir einmal davon, als sie mit mir kleinem Bub zu Prälat Fried ging. Der legte seine schützende Hand über meine Mutter.  Ich habe diesen Kirchenmann selbst nie zu Gesicht bekommen.

Eine Phantombedeutung, wie dein Geheimnis.

Auch fand Anton Mauss hochrangige Fürsprecher in Rom, zum Beispiel die Gräfin Marie Henriette Chotek, die Schwester der Herzogin von Hohenberg, Ehefrau des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Das Ehepaar fiel bekanntlich dem Attentat von Sarajewo zum Opfer, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Er war Erzieher im Hause des Erzherzogs Stephan und war als solcher auch im Hause Fugger beschäftigt.

Das alles kann natürlich nicht seine Tätigkeit im Interesse des päpstlich angeordneten Integralismus und der Zugehörigkeit zur Geheimliga des vatikanischen Unterstaatssekretärs Umberto Benigni relativieren. Benigni äußerte sich einmal so: ‚Die Gegenreformation ist in Deutschland leider abgebrochen worden; sie muss jetzt wieder aufgenommen werden.‘ Sicher muss man bei der Beurteilung solcher verheerenden Geistesströme, die  noch bis in die heutige Zeit Theologen behinderte und ihnen gewiss auch beklemmende Glaubensnöte verursachte, die Zeit des gewaltigen Umbruchs, die Zeit des „Fin de siècle“ berücksichtigen.

Ich hoffe, dass ich mit dem vorliegenden Buch „Joseph-Der Weg zum Graal“ auch im Sinne meines Großvaters einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass in christliche Glaubensinhalte moderne Wissenschaft einfließen kann, ohne Gewissenskonflikte auszulösen, ja sogar das Christentum bereichern könnte.
Mein aufrichtiges Bedauern und Mitgefühl gilt allen jenen Menschen, denen mein Großvater durch seine Mitwirkung bei den damals von Seiten der Kirche nötig gefundenen Aktionen geschadet hat und ihnen Leid zufügte.
Ich bin mir fast sicher, dass sich Anton Mauss diesem Bedauern und Mitleid mit einer Entschuldigung anschließen würde. Die Strömungen und Gefühle der heutigen Zeit würden seine Sichtweise sicher verändern.
Eine Wiedergutmachung scheint jedoch unmöglich.“

 

Und die jeweiligen Quellen aus dem Internet werde ich anführen.

 

Das wäre es dann auch schon gewesen.

Jemand sagte mir in den letzten Tagen, er kenne noch Priester, die den Antimodernisteneid geschworen haben. Das ist nicht von Belang.

Normal!

Ich kann solche Entdeckungen zu deiner Person nicht verheimlichen.

Weiß schon, das ist nicht dein Geheimnis, es wäre auch keines. Eben deshalb ändere ich ja meine Widmung.

Ich kann für deine Handlungen schon Verständnis aufbringen. Bin dir auch nicht böse, dass du meine Großmutter geschwängert hast.

Wäre ja auch Unsinn, ich wäre dann nicht da. Meine Großmutter war eine sehr hübsche Frau. So etwas geht im eigenen Haushalt nicht unbemerkt und unberührt vorbei. Ich glaube sogar, dass du sie wirklich geliebt hast, soweit du dafür imstande warst.

Aber es nervt mich ungemein, dein Geheimnis weiter erforschen zu wollen.

Was sollte da für mich wichtig sein?

Und auch für dich?

Und wo liegt da ein Geheimnis, etwas, das heute noch interessiert?

Ein Geheimnis ist eine Information, deren Kenntnis unter wenigen Eingeweihten bleibt, die der Geheimhaltung unterliegen.

Oder meinst du gar ein Mysterium?

Ein Ereignis, das rational nicht erklärbar ist?

Wie sollte ich jemals so ein Geheimnis ergründen?

 

Kann mir schon vorstellen, dass du zur Bewahrung eines Geheimnisses des Glaubens dem konservativen Integralismus angehört hast. War ja auch eine Zeit des weltweiten Umbruchs, jedenfalls der Welt, der du angehört hast.
Das Universum liegt irgendwie vor uns, jeder interpretiert es auf die Weise, die sein Überleben sichern kann. Vielleicht interpretieren wir beide es auf unterschiedliche Weise, vielleicht auch nicht.

Möchte gerne versuchen, das ein wenig durchzudenken. Kann ich damit dein Geheimnis eingrenzen, aufspüren?

 

Nach oben zum Seitenanfang