Home.Bio.Der Sammler.Bücher.Radio Lesung.Sonstige Werke.Aus dem Tagebuch.Kontakt.Links.
2. Februar 2002
©Wolfgang Wallner-F.

Vorausschicken muss ich, dass es für mich nie ganz klar ist, was Ordnung und was Chaos ist. In der Physik wird die Ordnung als die uns täglich umgebende Welt bezeichnet, während die vollständige Gleichheit und Ausgeglichenheit, tatsächlich die völlige Einheit, als chaotisch bezeichnet wird. Für mich ist es aber eher verständlich, diese beiden Zustände umgekehrt zu sehen. Nun, für die Vorkommnisse und Ideen des 2.2.2002 bezeichne ich Ordnung und Chaos genau so, wie es die Physik tut.

An diesem Tag, einen Samstag, fuhr ich wie fast jeden Samstag gleich in der Früh zum Einkauf. Da ich eher überpünktlich bin, habe ich immer, bevor das Feinkostgeschäft aufsperrt, etwas Zeit, das Warten verbringe ich im Auto.

An diesem Samstag, es war der Jahreszeit gemäß noch vor der Morgendämmerung, wartete ich in der Hohenbergstrasse, die zur Schönbrunner Gloriette führt, natürlich aber außerhalb des Schlossparks. Immer wenn ich dort zu dieser Zeit warte, kommt ein älterer Mann, etwa an die siebzig Jahre, mit seinem kleinen Hund an der Leine vorbei. Jedes Mal überprüft der Mann die Aufstellung der dort befindlichen Container für Kunststoffmüll und Altpapier. Wenn dort Unordnungen, diesmal im Sinne von Ablagerungen neben dem Müllgefäß, im physikalischem Sinne also, auftreten, bringt der Mann das in eine ihm adäquate Ordnung. Außerdem stellt er die Container gerade. Der Mann ist durchaus ordentlich angezogen, trägt der Jahreszeit entsprechend einen Hut. Vielleicht ein pensionierter Beamter?

Man könnte meinen, dieser Mensch ist durch irgendetwas in seinem Leben dazu gebracht worden, für Ordnung auch in solchen Bereichen zu sorgen, die ihn eigentlich nichts angehen. Der Mann könnte einem Leid tun, oder man könnte sein kostenloses Engagement auch für gut heißen. Tatsächlich hat die Gesellschaft aber dafür gesorgt, dass solche "Unordnungen“ im oben angeführtem Sinn von bezahlten Kräften beseitigt werden. Auch wenn man den Hundeführer vielleicht lächerlich oder bedauerlich findet, die Gesellschaft wendet enorme Energien dafür auf, Ordnung zu schaffen, dies auch durchaus im physikalischen Sinn.

Es scheint also ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen zu bestehen, das Chaos, die Gleichförmigkeit und Gleichheit mit allen Kräften zu vermeiden.
Obwohl sich Meditationstechniken, Religionen und auch die Liebe aller Zeiten immer zum Ziel setzte, die Einheit zu erfahren, ist das Bewusstsein des Menschen bestrebt, diese Gleichförmigkeit, das tatsächliche Eintreten einer alles umfassenden Einheit, zu verhindern.
Das Motiv dazu könnte natürlich Angst vor dem Tode sein. Doch was nützt dann jede Liebe, jede Religion, jede Meditation, wenn nicht vorher die Angst vor dem Tod überwunden wird. Sagte das nicht auch Jesus?

Ein physikalisches Paradoxon besteht aber darin, dass die Vermeidung des Chaos, die Aufrechterhaltung der Unterschiede also, eine Unmenge an Energie verbraucht.
Diese Energie entsteht aber gerade aus der Tatsache, dass es Unterschiede gibt.
Welche ungeheure Macht muss das sein, die solche grundsätzliche Unsinnigkeiten bewirkt? Natürlich kann man das wieder mit dem Hinweis auf die Angst vor dem Tode abtun. Doch seit wann gibt es den Menschen? Was war vorher? Hat jede Materie Angst vor dem Tod? Dann müsste sie Bewusstsein haben! Zufall?
Warum entwickelte sich seit dem Urknall alles zu einer physikalischen Ordnung? Zur unnötigen Energieerzeugung? Gab es schon damals eine Art wirkliches (wirkendes) Bewusstsein? Gott? Eine Einbettung in die vollständige Einheit erscheint doch durchaus erstrebenswert!
Energie bewirkte den Urknall und damit die entstandenen Ordnungen. Daraus folgt aber, dass "vor“ dem oder im Urknall kein einförmiges Chaos bestanden haben kann. Da gäbe es keine Energie.
Weitere Gedanken desselben Tages:

Gott, der uns (angeblich) in der Bibel schuf, kann nur ein Teilgott sein. Wenn Gott absolut wäre (alles andere wäre bei Gott absurd) müsste er mit der Schöpfung auch das Gegenteil sowie jede Variante dazwischen und darüber hinaus geschaffen haben. Sonst wäre er nicht absolut. Wir können nicht annehmen, dass Gott Ambitionen in eine bestimmte Richtung (Neigungen) hat. Wir müssen damit aufhören, Teilgötter anzubeten.

Wir selbst können nur Teilerscheinungen des Gesamten sein. Im Gesamten gibt es wie die gesamte Schöpfung auch das Gegenteil von uns so wie jede Variante dazwischen und darüber hinaus.
Der (geometrische) Mittelpunkt unseres Seins ist also unsere Nichterschaffung, unser Nichtsein, der Nullpunkt (der Gegenpol unseres gesamten Erschaffungsspektrum ist das Gegenteil unserer selbst, nicht aber das Nichtsein).
Die gesamte Schöpfung als Außenstehender (wenn das möglich wäre) betrachtet, muss alle möglichen Entwicklungen in allen Varianten, dazwischen und drüber hinaus beinhalten (bildlich – wenn auch sicher nicht in dieser dreidimensionalen Form zutreffend – eine Kugel, mit dem Mittelpunkt: Das Nichtsein).
Gesamt gesehen also eine Aufhebung, das bedeutet: Keine Entwicklungen, keine Erscheinungen, dasselbe wie wenn es überhaupt nie Entwicklungen und Erscheinungen gegeben hätte.

Wir, als bewusste Menschen, sind daher Gefangene unseres "Entwicklungsstranges“ (räumlich und zeitlich, doch das wegen unserer Erfahrungen, wegen unserer Erziehung), doch durch unser Bewusstsein können wir darüber hinaus denken (siehe hier).

Das bedeutet: Gott, den wir anbeten, ist ebenfalls nur Stückwerk. Und da wir das bisher nicht erkannt haben, ist der Widersacher ebenfalls nur Stückwerk, beides daher in Wirklichkeit der absolute Gott.
Der Widersacher (Schlange, Satan, Luzifer etc.) ist daher tatsächlich nur Gottes (nicht aber des absoluten Gottes) "Schatten“ im Sinne der Jung´schen Psychologie.
Wir erkennen Gott.
Wir erkennen den Widersacher.
Gott selbst in seiner Vollkommenheit (der absolute Gott) hat alles, wirklich alles, integriert. Das bedeutet, der absolute Gott kann kein (irgendwie erkennbares) Bewusstsein haben, sonst wäre er nicht absolut, sondern wieder nur eine Teilerscheinung seiner selbst.
Der Gott, den wir anbeten, kann den Widersacher nicht integrieren, da er zu einer bestimmten Zeit des Universums "geboren“ (für uns erkennbar) wurde, und diese Geburt, die Geburt unserer Religion wurde. Dieser Gott "entwickelte“ sich nicht mehr erkennbar, da eine Weiterentwicklung sich nicht mehr auf unserem Ereignisstrahl abspielt.
Der Gott, zu dem wir beten, ist also grundsätzlich statisch, zu keiner Entwicklung fähig.
Was sich entwickeln kann, sind wir.
Wir sind das Einzige, das sich tatsächlich auf unserem Ereignisstrahl befindet, und zwar sogar jede einzelne Zelle. Also liegt es an uns, den Schatten (Luzifer) in Gott zu integrieren.

Ohne Integration des Schattens ist eine psychische Weiterentwicklung nicht möglich. Das heißt vorerst, jeder Mensch soll zu Gott werden und den Schatten integrieren. Nur dann besteht die Möglichkeit, vollständig zu werden.
Es muss also zuerst Gott vollständig werden, dann kann es erst der Mensch werden. Gott als Gott ist dazu nicht fähig. Der Gott der Bibel muss daher zum Menschen werden, um sich weiter entwickeln zu können.
Tatsächlich hat Gott das auch probiert, aber unzulänglich, da es sich bei Jesus ja um einen "Halbgott“ handelt, aber immerhin ein Muster. Das Auftreten Jesu kann daher auch als Auftreten des Archetypen (laut Jung) gesehen werden.
Dieser Archetypus tritt dann in der Realität auf, wenn der Mensch diese, seine eigene Möglichkeit der Menschwerdung Gottes nicht als eigene Möglichkeit sieht, die Psyche aber auf die Notwendigkeit dieser Entwicklung hinweisen muss. Die Psyche weist immer mit Nachdruck darauf hin.
Aus diesem Grund erscheint ja auch der Widersacher immer wieder außen, sogar für den Gott der Bibel. Bisher haben wir immer Gott, Jesus und auch den Widersacher, wenn überhaupt, als außerhalb unser selbst gesehen, sie auf eine "höhere“, jedenfalls auf keine menschliche Ebene gestellt und damit uns entfremdet. Die Folgen können wir sehen, eine Entfremdung des Menschen von der Schöpfung.
Noch fataler sind die Folgen einer gelebten Gottlosigkeit, die zur Füllung des Vakuums zu einer Anbetung der Materie führt, das aber selbstverständlich den Tod bringt. (Das soll keinesfalls die Negierung oder Missachtung der Materie bedeuten. Auch die Materie ist Teil der Schöpfung und daher unser selbst - wie bisher und im Weiteren ausgeführt wurde und wird - und müsste als Teil unser selbst geliebt werden).

Der erste, unbedingt notwendige Schritt zur Vollkommenheit muss die Integration des Widersachers in Gott sein.
Damit Gott zum Menschen - und nicht mehr zum Halbgott – wird, muss der Mensch selbst Gott werden.
Das ist er ohnehin, da er ihn erkennt und historisch gesehen auch tatsächlich immer mehr in sich selbst erkennt. Obwohl diese Integration Gottes im Menschen und umgekehrt überall sichtbar und erkennbar ist, hat das aber im Bewusstsein des Menschen bisher keine Auswirkungen gehabt. Jedenfalls keine, die den Menschen zur Vollständigkeit führt. In der Psychologie besteht ein wesentlicher Schritt zur Heilung von psychologischen Blockaden in der Bewusstmachung von Tatsachen. Tatsachen die psychisch wirklich, das heißt wirksam sind.
Der Mensch muss sich also nur mehr bewusst machen, dass er Gott ist.
Möglicherweise könnte dann der Widersacher als Archetyp (Schatten) auch in der Realität auftreten (Beschreibung der Apokalypse?). Doch ist der Widersacher mit dem Bewusstsein (Wissen), dass dieser nur ein Teil Gottes ist, als Schatten leicht zu integrieren. Der Mensch liebt ja auch z.B. seine Finger.
Der Mensch als Gott muss daher den Widersacher wie das gesamte Universum als Teil seiner selbst sehen und lieben. Mit aller Verantwortung, die daraus folgt.
Wenn der Mensch sich selbst davor fürchtet und die ersten Schritte nicht setzt, kann er nie vollständig und einig mit sich selbst werden. Wem der Gedanke der Gottwerdung des eigenen Selbst vielleicht absurd vorkommt, der möge vorerst damit anfangen, den Widersacher und das gesamte Universum als Teil seines Selbst zu betrachten und zu lieben. Das führt sicher zum selben Ergebnis und es könnte der Widersacher dann nicht als Schatten in der Realität erscheinen.

Diese Gedanken flossen später in mein "Abenteuerbuch“ Joseph-Der Weg zum Graal ein


Alle Rechte bei Wolfgang Wallner-F.
Abdruck, Veröffentlichung jeglicher Art
oder auch teilweise Verwendung nur
mit ausdrücklicher Genehmigung
Home.Bio.Der Sammler.Bücher.Radio Lesung.Sonstige Werke.Aus dem Tagebuch.Kontakt.Links.